Brexit: Welche Bilanz 2 Jahre nach dem Votum? 

Am 23. Juni 2016 zählte die EU noch 28 Mitgliedsstaaten, am darauffolgenden 24. Juni waren es nur noch 27. Denn an diesem Tag besiegelten 52 % der Briten im Rahmen eines Referendums den Austritt aus der Europäischen Union und damit das Schicksal Tausender nationaler und internationaler Unternehmen. Zwei Jahre nach dieser Entscheidung herrschen im Vereinigten Königreich noch immer Zweifel und Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft: Sollte man vorsichtshalber abwandern, oder besser bleiben und das Beste aus dem Wandel machen oder gar bewusst nach Großbritannien expandieren und die dortigen Chancen nutzen?  


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1. Option: Weg von der Insel

Verlust des Europäischen Passes, Ausstieg aus dem Single European Sky, Abwertung des britischen Pfunds und eine rückläufige Wirtschaft 

Verlust des Europäischen Passes 

Aus Angst vor dem Verlust des Europäischen Passes beschloss HSBC, 1.000 Stellen seines Investmentbankgeschäfts von London nach Paris zu verlegen. Der Wegfall dieses Passes hat weitreichende Konsequenzen und bedeutet das Ende der Möglichkeit, Produkte vom Vereinigten Königreich aus auf dem europäischen Kontinent anzubieten. Trotzdem rüttelt HSBC nicht am Standort ihres Hauptsitzes, den die Bank auf jeden Fall in London belassen will. Und dies aus gutem Grund: Ihre britischen Kunden sind für HSBC von enormer Bedeutung.  

 

Ausstieg aus dem Single European Sky 

Auch Easyjet blickt in eine ungewisse Zukunft: Schließlich steht die Teilnahme am Single European Sky auf dem Spiel. Diese Vereinbarung ermöglicht es Fluggesellschaften, im gesamten europäischen Flugraum frei zu verkehren. Am 14. Juli 2017 gab die Fluggesellschaft die Gründung der Tochtergesellschaft Easyjet Europe bekannt, deren Sitz in Wien sein würde – ein idealer Standort, um auch nach dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs weiterhin innerhalb von Europa fliegen zu können. 

 

Abwertung des britischen Pfunds 

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Faktor für britische KMU ist die die Abwertung des britischen Pfunds. Das Unternehmen Air & Grace, das sich auf das Design von Schuhen spezialisiert, die anschließend in ganz Europa hergestellt werden, verzeichnete bei den Herstellungskosten für Schuhe einen Anstieg von 10 %. Claire Burrows, die Gründerin des Unternehmens, muss sich dieser neuen Situation stellen: „Ich habe zwei Möglichkeiten: Entweder ich fange den Kostenanstieg selbst auf und nehme geringere Gewinnmargen hin, oder ich erhöhe den Verkaufspreis. Vorerst habe ich mich für die erste Option entschieden, aber langfristig ist das keine Lösung.“ Auf Dauer kann die Abwertung des britischen Pfunds auch zu einer Abwanderung europäischer Arbeitskräfte führen. Denn für Europäer, die im Vereinigten Königreich leben, werden Arbeitsplätze in Großbritannien immer unattraktiver, da sie dort weniger Geld verdienen. 

 

Abnahme des britischen Konsums 

Die Entwicklung des britischen Eigenverbrauchs wirft bei vielen KMU ernsthafte Zweifel auf. Zu diesen besorgten Personen gehört auch Franck Guéneau von Vision de Marques. Seine Agentur widmet sich der Einrichtung von Einzelhandelsgeschäften, dem Merchandising und der Sichtbarkeit von Ladengeschäften. Ein Jahr nach der Standorteröffnung in Großbritannien sind die Auswirkungen des Brexits deutlich zu spüren. Der Eigenverbrauch sieht nicht sehr optimistisch aus und Geschäftsschließungen stehen an der Tagesordnung: Mark & Spencer, House of Fraser, … Wie lange noch? „Unternehmenswachstum ist prinzipiell möglich – zwar nicht in dem Ausmaß und in der Geschwindigkeit, wie wir das gerne hätten, aber es ist machbar. Aber wenn der englische Konsum nicht bald Fahrt aufnimmt, werden wir gezwungen sein, Großbritannien zu verlassen …“ 

 

2. Option: Bleiben und abwarten

Staatliche Reformen, Veränderungs- und Investitionsmöglichkeiten 

Lokale Partner einstellen 

Nichtsdestotrotz ist Franck Guéneau fest entschlossen, in England zu bleiben. Seine Zukunftsvision: „Ich denke, dass die Engländer gute Businessleute sind. Soweit ich das sehe, verschließen sie sich nicht und wollen den Anschluss an den europäischen Markt nicht verlieren.Für Franck Guéneau hat der Brexit bisher noch keine bedeutenden Änderungen mit sich gebracht – mit einer Ausnahme: die Einstellung eines britischen Mitarbeiters. Warum? „Weil Engländer am liebsten mit Engländern Geschäfte machen. Das hätten wir gleich von Anfang an erkennen sollen.“ Ein anderer wichtiger Punkt ist die perfekte Beherrschung der englischen Sprache: „Wir glauben immer fälschlicherweise, dass Engländer unser mehr oder weniger salonfähiges Englisch schon verstehen werden und ein paar Fehler kein Drama sind. Doch das ist ein Irrglaube. Die Engländer sind sehr anspruchsvoll, wenn es um ihre Sprache geht. Schon beim kleinsten Fehler werden Nicht-Muttersprachler darauf hingewiesen. Wir haben sogar Rückmeldungen über unsere Website erhalten.  Sprache trägt einen wichtigen Teil zum Unternehmenserfolg bei. Aus diesem Grund hat Franck Guéneau seine gesamte Website übersetzen lassen, um sie so zugänglicher für den englischen Markt zu machen. Er beauftragte eine Übersetzungsagentur, erhielt jedoch von britischen Kunden das Feedback, dass die Übersetzungen sehr wortwörtlich und unnatürlich klangen. Dies ist einerseits peinlich und andererseits folgenschwer, denn ein unpassender Sprachgebrauch kann zum Verlust von Kunden führen. Deshalb ist eine professionelle Übersetzung von Unternehmenswebsites von entscheidender Bedeutung. 

 

Eine ähnliche Erfahrung wie Vision de Marques machte auch Selva, ein Hersteller von Leiterplatten und Elektrosystemen mit Sitz in Nantes. Dieses KMU schloss sich mit CircuitWorx zusammen, einem auf Elektronik- und Softwaredesign spezialisierten Unternehmen mit Sitz nördlich von Southampton. Um die Chancen des Brexits zu ergreifen, stellten diese beiden Unternehmen einen gemeinsamen Vertriebsmitarbeiter ein. Warum? David Heriaud, Geschäftsführer bei Selva, erklärt: „Sollte Großbritannien immer protektionistischer werden und es uns dadurch schwieriger machen, direkt für diesen Markt zu produzieren, dann könnte eine Produktions- und Vertriebsstruktur vor Ort und die Annäherung an englische Auftraggeber Vieles vereinfachen.“ Und umgekehrt: „Wenn sich das Land isoliert und eigene Regulierungen und Vorschriften einführt, die die Entwicklungszeiten verlängern, dann bleibt unsere französische Niederlassung ein wichtiger Vorteil, zum Beispiel um gemeinsame Projekte im Bereich künstliche Intelligenz schnell umzusetzen. (…)“ 

 

Gewinnmargen reduzieren oder Preise erhöhen  

Auch die Abwertung des britischen Pfunds hat bisher nicht zu Standortverlagerungen von Unternehmen geführt. Viele konnten ihre Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellen, so etwa der Werkzeughersteller Bahco. „Die Wertminderung des britischen Pfunds hat unsere Produkte im Jahr 2016 in nur wenigen Monaten um 8 bis 10 % verteuert. (…) Zuerst haben wir diesen Anstieg durch geringere Margen kompensiert, um unsere Präsenz am britischen Markt zu bewahren“,so Eric Gonet, Vice President des Konzerns. 2018 musste der Fabrikant seine Preise trotzdem um 4 bis 5 % erhöhen, konnte allerdings dank des starken Wachstums am britischen Markt sein Vertriebsvolumen steigern und so Verluste vermeiden. 

 

Senkung der Körperschaftssteuer 

Um den Verbleib von Unternehmen im Vereinigten Königreich zu sichern, hat die britische Regierung den Entschluss gefasst, die Körperschaftssteuer zu senken. Heute liegt die Steuer noch 19 %, doch der Finanzminister George Osborne hat versprochen, dass sie ab 1. April 2020 auf 15 % reduziert wird. Und er hat noch einen weiteren Trumpf aus dem Ärmel gezogen: 61 Millionen Pfund, um Start-ups aus der Tech-Branche anzuziehen. 21 Millionen fließen in den Ausbau des Tech-City-Netzwerkes, das (unter dem Namen „Tech Nation“) landesweit Fuß fassen soll und zehn neue Technologie-Hubs in Newcastle, Glasgow, Belfast, Cardiff und sogar Birmingham entstehen lassen soll. 20 Millionen Pfund werden verwendet, um die künstliche Intelligenz in öffentlichen Einrichtungen zu fördern. Und schließlich werden 20 Millionen Pfund für Sensibilisierungskampagnen bereitgestellt, die das Ziel verfolgen, 14- bis 18-Jährige mit der Identifizierung von IT-Sicherheitsbedrohungen vertraut zu machen. 

 

Roter Teppich für Tech-Unternehmen 

Unternehmen der Tech-Branche haben deshalb keinerlei begründetes Interesse daran, das britische Schiff zu verlassen. Insbesondere seitdem Theresa May ankündigte, die Anzahl der „Visa für außergewöhnliche Talente“ (die sogenannten Tier 1 Visa) verdoppelt zu wollen und somit 2.000 anstatt wie bisher 1.000 Visa zu vergeben, besteht kein Zweifel mehr am Interesse Großbritanniens an hervorragenden und innovativen Technologieunternehmen. Dieses Visum ermöglicht es Nicht-Engländern auf britischem Boden zu leben und zu arbeiten. Besonders häufig findet es im Technologiesektor Anwendung und die Regierung hofft, dass die Zahl der Visumsanträge in den kommenden Monaten und Jahren zunimmt. 

  

3. Jetzt erst recht: Expansion nach Grossbritannien

Fünftgrößte Weltwirtschaft, steuerliche Standortattraktivität und Schnittpunkt internationaler Märkte  

Niedrigste Arbeitslosenrate seit 1975 

Trotz Brexit hat das Vereinigte Königreich nach wie vor mehr als nur ein Ass im Ärmel – etwa seine Position als fünftgrößte Volkswirtschaft weltweit. Die Arbeitslosenrate lag im Januar 2017 bei 4,7 %, was der niedrigste Wert seit 1975 ist. Das wirtschaftliche und soziale Umfeld Großbritanniens zieht französische Unternehmer auch weiterhin an. Schließlich dauert es dort zwar drei Monate, ein Bankkonto zu eröffnen, dafür aber nur zwei bis drei Wochen, um einen Laden aufzubauen. 

 

Geringe Arbeitgeberbeiträge und flexible Rechtsvorschriften 

Neben der Körperschaftssteuer, die bis 2020 deutlich gesenkt werden soll, lockt das Vereinigte Königreich in- und ausländische Unternehmen auch mit zurzeit sehr niedrigen Arbeitgeberbeiträgen (13,8 % im Gegensatz zu 40 bis 50 % in Frankreich) sowie mit flexibleren Rechtsvorschriften: kürzere bezahlte Jahresurlaube, kein Arbeitsrecht und mehr Flexibilität bei Entlassungen, da sich die Probezeit auf zwei Jahre erstreckt. Ein wichtiger kultureller Unterschied: In Frankreich müssen die Bewerber dem Unternehmen schmeicheln, um eingestellt zu werden, im Vereinigten Königreich hingegen muss das Unternehmen seinen künftigen Mitarbeitern einen klaren Mehrwert bieten können. 

 

Öffnung für amerikanische und asiatische Märkte 

Die Europäische Union ist nicht der einzige Markt, auf den das Vereinigte Königreich ein Auge geworfen hat. Dank seiner strategischen Lage ist London eine Tür, die für amerikanische und asiatische Märkte weit offensteht. Für Start-ups, die diese Märkte anvisieren, sind London und England damit ideale Ausgangspunkte. In diesem Zusammenhang muss außerdem gesagt werden, dass Anleger ihr Geld immer zurückhaltender in Unternehmen investieren, die ausschließlich den europäischen Markt anstreben. 

Fest steht, dass bis zum tatsächlichen Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union, der von Theresa May auf den 31. Dezember 2020 verschoben wurde, noch einige Zweifel und Unsicherheiten herrschen werden.

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Übersetzung und Website-Lokalisierung: Best Practices

Brexit: Welche Bilanz 2 Jahre nach dem Votum? 

Am 23. Juni 2016 zählte die EU noch 28 Mitgliedsstaaten, am darauffolgenden 24. Juni waren es nur noch 27. Denn an diesem Tag besiegelten 52 % der Briten im Rahmen eines Referendums den Austritt aus der Europäischen Union und damit das Schicksal Tausender nationaler und internationaler Unternehmen. Zwei Jahre nach dieser Entscheidung herrschen im Vereinigten Königreich noch immer Zweifel und Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft: Sollte man vorsichtshalber abwandern, oder besser bleiben und das Beste aus dem Wandel machen oder gar bewusst nach Großbritannien expandieren und die dortigen Chancen nutzen?  


Spannende Studie zu den besten Akquise-Kanälen pro Land. Werfen Sie hier kostenlos einen Blick darauf!


1. Option: Weg von der Insel

Verlust des Europäischen Passes, Ausstieg aus dem Single European Sky, Abwertung des britischen Pfunds und eine rückläufige Wirtschaft 

Verlust des Europäischen Passes 

Aus Angst vor dem Verlust des Europäischen Passes beschloss HSBC, 1.000 Stellen seines Investmentbankgeschäfts von London nach Paris zu verlegen. Der Wegfall dieses Passes hat weitreichende Konsequenzen und bedeutet das Ende der Möglichkeit, Produkte vom Vereinigten Königreich aus auf dem europäischen Kontinent anzubieten. Trotzdem rüttelt HSBC nicht am Standort ihres Hauptsitzes, den die Bank auf jeden Fall in London belassen will. Und dies aus gutem Grund: Ihre britischen Kunden sind für HSBC von enormer Bedeutung.  

 

Ausstieg aus dem Single European Sky 

Auch Easyjet blickt in eine ungewisse Zukunft: Schließlich steht die Teilnahme am Single European Sky auf dem Spiel. Diese Vereinbarung ermöglicht es Fluggesellschaften, im gesamten europäischen Flugraum frei zu verkehren. Am 14. Juli 2017 gab die Fluggesellschaft die Gründung der Tochtergesellschaft Easyjet Europe bekannt, deren Sitz in Wien sein würde – ein idealer Standort, um auch nach dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs weiterhin innerhalb von Europa fliegen zu können. 

 

Abwertung des britischen Pfunds 

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Faktor für britische KMU ist die die Abwertung des britischen Pfunds. Das Unternehmen Air & Grace, das sich auf das Design von Schuhen spezialisiert, die anschließend in ganz Europa hergestellt werden, verzeichnete bei den Herstellungskosten für Schuhe einen Anstieg von 10 %. Claire Burrows, die Gründerin des Unternehmens, muss sich dieser neuen Situation stellen: „Ich habe zwei Möglichkeiten: Entweder ich fange den Kostenanstieg selbst auf und nehme geringere Gewinnmargen hin, oder ich erhöhe den Verkaufspreis. Vorerst habe ich mich für die erste Option entschieden, aber langfristig ist das keine Lösung.“ Auf Dauer kann die Abwertung des britischen Pfunds auch zu einer Abwanderung europäischer Arbeitskräfte führen. Denn für Europäer, die im Vereinigten Königreich leben, werden Arbeitsplätze in Großbritannien immer unattraktiver, da sie dort weniger Geld verdienen. 

 

Abnahme des britischen Konsums 

Die Entwicklung des britischen Eigenverbrauchs wirft bei vielen KMU ernsthafte Zweifel auf. Zu diesen besorgten Personen gehört auch Franck Guéneau von Vision de Marques. Seine Agentur widmet sich der Einrichtung von Einzelhandelsgeschäften, dem Merchandising und der Sichtbarkeit von Ladengeschäften. Ein Jahr nach der Standorteröffnung in Großbritannien sind die Auswirkungen des Brexits deutlich zu spüren. Der Eigenverbrauch sieht nicht sehr optimistisch aus und Geschäftsschließungen stehen an der Tagesordnung: Mark & Spencer, House of Fraser, … Wie lange noch? „Unternehmenswachstum ist prinzipiell möglich – zwar nicht in dem Ausmaß und in der Geschwindigkeit, wie wir das gerne hätten, aber es ist machbar. Aber wenn der englische Konsum nicht bald Fahrt aufnimmt, werden wir gezwungen sein, Großbritannien zu verlassen …“ 

 

2. Option: Bleiben und abwarten

Staatliche Reformen, Veränderungs- und Investitionsmöglichkeiten 

Lokale Partner einstellen 

Nichtsdestotrotz ist Franck Guéneau fest entschlossen, in England zu bleiben. Seine Zukunftsvision: „Ich denke, dass die Engländer gute Businessleute sind. Soweit ich das sehe, verschließen sie sich nicht und wollen den Anschluss an den europäischen Markt nicht verlieren.Für Franck Guéneau hat der Brexit bisher noch keine bedeutenden Änderungen mit sich gebracht – mit einer Ausnahme: die Einstellung eines britischen Mitarbeiters. Warum? „Weil Engländer am liebsten mit Engländern Geschäfte machen. Das hätten wir gleich von Anfang an erkennen sollen.“ Ein anderer wichtiger Punkt ist die perfekte Beherrschung der englischen Sprache: „Wir glauben immer fälschlicherweise, dass Engländer unser mehr oder weniger salonfähiges Englisch schon verstehen werden und ein paar Fehler kein Drama sind. Doch das ist ein Irrglaube. Die Engländer sind sehr anspruchsvoll, wenn es um ihre Sprache geht. Schon beim kleinsten Fehler werden Nicht-Muttersprachler darauf hingewiesen. Wir haben sogar Rückmeldungen über unsere Website erhalten.  Sprache trägt einen wichtigen Teil zum Unternehmenserfolg bei. Aus diesem Grund hat Franck Guéneau seine gesamte Website übersetzen lassen, um sie so zugänglicher für den englischen Markt zu machen. Er beauftragte eine Übersetzungsagentur, erhielt jedoch von britischen Kunden das Feedback, dass die Übersetzungen sehr wortwörtlich und unnatürlich klangen. Dies ist einerseits peinlich und andererseits folgenschwer, denn ein unpassender Sprachgebrauch kann zum Verlust von Kunden führen. Deshalb ist eine professionelle Übersetzung von Unternehmenswebsites von entscheidender Bedeutung. 

 

Eine ähnliche Erfahrung wie Vision de Marques machte auch Selva, ein Hersteller von Leiterplatten und Elektrosystemen mit Sitz in Nantes. Dieses KMU schloss sich mit CircuitWorx zusammen, einem auf Elektronik- und Softwaredesign spezialisierten Unternehmen mit Sitz nördlich von Southampton. Um die Chancen des Brexits zu ergreifen, stellten diese beiden Unternehmen einen gemeinsamen Vertriebsmitarbeiter ein. Warum? David Heriaud, Geschäftsführer bei Selva, erklärt: „Sollte Großbritannien immer protektionistischer werden und es uns dadurch schwieriger machen, direkt für diesen Markt zu produzieren, dann könnte eine Produktions- und Vertriebsstruktur vor Ort und die Annäherung an englische Auftraggeber Vieles vereinfachen.“ Und umgekehrt: „Wenn sich das Land isoliert und eigene Regulierungen und Vorschriften einführt, die die Entwicklungszeiten verlängern, dann bleibt unsere französische Niederlassung ein wichtiger Vorteil, zum Beispiel um gemeinsame Projekte im Bereich künstliche Intelligenz schnell umzusetzen. (…)“ 

 

Gewinnmargen reduzieren oder Preise erhöhen  

Auch die Abwertung des britischen Pfunds hat bisher nicht zu Standortverlagerungen von Unternehmen geführt. Viele konnten ihre Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellen, so etwa der Werkzeughersteller Bahco. „Die Wertminderung des britischen Pfunds hat unsere Produkte im Jahr 2016 in nur wenigen Monaten um 8 bis 10 % verteuert. (…) Zuerst haben wir diesen Anstieg durch geringere Margen kompensiert, um unsere Präsenz am britischen Markt zu bewahren“,so Eric Gonet, Vice President des Konzerns. 2018 musste der Fabrikant seine Preise trotzdem um 4 bis 5 % erhöhen, konnte allerdings dank des starken Wachstums am britischen Markt sein Vertriebsvolumen steigern und so Verluste vermeiden. 

 

Senkung der Körperschaftssteuer 

Um den Verbleib von Unternehmen im Vereinigten Königreich zu sichern, hat die britische Regierung den Entschluss gefasst, die Körperschaftssteuer zu senken. Heute liegt die Steuer noch 19 %, doch der Finanzminister George Osborne hat versprochen, dass sie ab 1. April 2020 auf 15 % reduziert wird. Und er hat noch einen weiteren Trumpf aus dem Ärmel gezogen: 61 Millionen Pfund, um Start-ups aus der Tech-Branche anzuziehen. 21 Millionen fließen in den Ausbau des Tech-City-Netzwerkes, das (unter dem Namen „Tech Nation“) landesweit Fuß fassen soll und zehn neue Technologie-Hubs in Newcastle, Glasgow, Belfast, Cardiff und sogar Birmingham entstehen lassen soll. 20 Millionen Pfund werden verwendet, um die künstliche Intelligenz in öffentlichen Einrichtungen zu fördern. Und schließlich werden 20 Millionen Pfund für Sensibilisierungskampagnen bereitgestellt, die das Ziel verfolgen, 14- bis 18-Jährige mit der Identifizierung von IT-Sicherheitsbedrohungen vertraut zu machen. 

 

Roter Teppich für Tech-Unternehmen 

Unternehmen der Tech-Branche haben deshalb keinerlei begründetes Interesse daran, das britische Schiff zu verlassen. Insbesondere seitdem Theresa May ankündigte, die Anzahl der „Visa für außergewöhnliche Talente“ (die sogenannten Tier 1 Visa) verdoppelt zu wollen und somit 2.000 anstatt wie bisher 1.000 Visa zu vergeben, besteht kein Zweifel mehr am Interesse Großbritanniens an hervorragenden und innovativen Technologieunternehmen. Dieses Visum ermöglicht es Nicht-Engländern auf britischem Boden zu leben und zu arbeiten. Besonders häufig findet es im Technologiesektor Anwendung und die Regierung hofft, dass die Zahl der Visumsanträge in den kommenden Monaten und Jahren zunimmt. 

  

3. Jetzt erst recht: Expansion nach Grossbritannien

Fünftgrößte Weltwirtschaft, steuerliche Standortattraktivität und Schnittpunkt internationaler Märkte  

Niedrigste Arbeitslosenrate seit 1975 

Trotz Brexit hat das Vereinigte Königreich nach wie vor mehr als nur ein Ass im Ärmel – etwa seine Position als fünftgrößte Volkswirtschaft weltweit. Die Arbeitslosenrate lag im Januar 2017 bei 4,7 %, was der niedrigste Wert seit 1975 ist. Das wirtschaftliche und soziale Umfeld Großbritanniens zieht französische Unternehmer auch weiterhin an. Schließlich dauert es dort zwar drei Monate, ein Bankkonto zu eröffnen, dafür aber nur zwei bis drei Wochen, um einen Laden aufzubauen. 

 

Geringe Arbeitgeberbeiträge und flexible Rechtsvorschriften 

Neben der Körperschaftssteuer, die bis 2020 deutlich gesenkt werden soll, lockt das Vereinigte Königreich in- und ausländische Unternehmen auch mit zurzeit sehr niedrigen Arbeitgeberbeiträgen (13,8 % im Gegensatz zu 40 bis 50 % in Frankreich) sowie mit flexibleren Rechtsvorschriften: kürzere bezahlte Jahresurlaube, kein Arbeitsrecht und mehr Flexibilität bei Entlassungen, da sich die Probezeit auf zwei Jahre erstreckt. Ein wichtiger kultureller Unterschied: In Frankreich müssen die Bewerber dem Unternehmen schmeicheln, um eingestellt zu werden, im Vereinigten Königreich hingegen muss das Unternehmen seinen künftigen Mitarbeitern einen klaren Mehrwert bieten können. 

 

Öffnung für amerikanische und asiatische Märkte 

Die Europäische Union ist nicht der einzige Markt, auf den das Vereinigte Königreich ein Auge geworfen hat. Dank seiner strategischen Lage ist London eine Tür, die für amerikanische und asiatische Märkte weit offensteht. Für Start-ups, die diese Märkte anvisieren, sind London und England damit ideale Ausgangspunkte. In diesem Zusammenhang muss außerdem gesagt werden, dass Anleger ihr Geld immer zurückhaltender in Unternehmen investieren, die ausschließlich den europäischen Markt anstreben. 

Fest steht, dass bis zum tatsächlichen Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union, der von Theresa May auf den 31. Dezember 2020 verschoben wurde, noch einige Zweifel und Unsicherheiten herrschen werden.

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